_Waiting for a lifetime.

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Mein Brief an einen Teil von mir. Geschrieben am 24.12.2006

Liebe Anorexie
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich will dir so vieles sagen. So vieles. Am liebsten möchte ich es herausschreien, durch das ganze Haus, in die ganze Welt. Dass jeder hört, was ich fühle, dass man zu mir aufsieht.
Ich war nie glücklich. Meine ganze Kindheit über war ich das stille, kleine, gefühlskalte Mädchen, das jede Freundschaft vernachlässigte und nie nett zu jemandem war. Das lag nicht daran, dass ich niemanden nett fand; ich konnte es nicht zeigen. Diejenigen, die meinen Zorn am meisten zu spüren bekamen, liebte ich am meisten. Das wusste ich. Aber niemand anders. Abends in meinem Bett weinte ich - und niemand war da. Niemand wusste von meinem Kummer, niemand nahm mich als das wahr, was ich eigentlich war und sein wollte; ein gefühlvoller Mensch.
Ich bin in einer so zerrütteten Familie aufgewachsen. Nur von einer Seite bekam ich Liebe, aber auch diese wurde so unterdrückt, dass sie niemals bei mir ankam. So wuchs ich ohne jegliche Liebe auf. Und ich war einsam. So einsam.
Irgendeinmal kamst du, liebe Anorexie. Unser erster Blickwechsel war nur flüchtig. Trotzdem bist du mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen; ich musste immer an dich denken, obwohl ich dich nur so kurz gesehen hatte. Irgendwie habe ich dich bewundert, nein, bewundert ist das falsche Wort; ich habe zu dir aufgesehen. Ich habe es nicht verstanden, warum du mir nicht mehr aus dem Kopf gehst, warum du dich so in das Gehirn anderer einbrennst. Denn genau nach dieser Fähigkeit habe ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt.
Ich hatte schon vieles über dich gehört. Auf eine Art wusste ich genau, dass es wahr war, was alle über dich sagten: Du bist sehr gefährlich. Trotzdem habe ich mich so zu dir hingezogen gefühlt. Ich habe Bücher über dich gelesen, und obwohl alle traurig waren, machte mich der Gedanke an dich nicht traurig. Eher neugierig. Ich fühlte mich komischerweise gut, wenn ich an dich dachte. So unbeschwert und sorgenfreier.
Wir trafen uns wieder. Du hast auf mich eingeredet - ich habe genickt und gelächelt und fühlte mich zum ersten Mal so glücklich. Die Welt, die du mir versprachst, war für mich so neu und aufregend. Ich wollte sie jetzt noch dringender kennen lernen als vorher. Du hast geschwärmt, mir zugeflüstert, dass es nicht immer einfach sei, aber es würde sich lohnen. Ich glaubte dir natürlich und war begeistert - von dir und von meinem zukünftigen Ich. Ich hatte Herzklopfen, wenn ich daran dachte, was mich erwarten würde. Vor Freude.
Die ersten Monate fielen mir nicht schwer. Das, was du mir versprochen hast, traf ein: ich fühlte mich so frei wie noch nie in meinem Leben. Ich fühlte jetzt, dass auch ich ein Mensch war, dass das mein Körper war und niemand anders ihn berühren durfte, wenn ich nicht wollte. Ich hatte jegliche Kontrolle über meinen Körper und das, was ich tat.
Du hast mich begleitet, bist mir immer zur Seite gestanden, egal wo ich war. Du saßest auf meiner Schulter und schaute darauf, dass ich nur Gutes tat. Du hast mich auf jedem Schritt beobachtet. Ich fühlte mich sicher.
Wenn ich abends im Bett lag, vor Hunger weinte und in mich zusammenkauerte, dann hast du mich ermuntert. Du hast mir gesagt, dass ich all das nicht umsonst tue. Dass alles einen Sinn hat und dass ich mich nicht so anstellen solle, es ginge mir doch gut und ich wäre glücklich. Ich habe dir zugestimmt, meine Qualen ertragen, versucht, nur auf deine Worte zu hören.
Ich bekam tatsächlich Aufmerksamkeit. Alle sagten mir, wie sehr ich abgenommen hätte. Anfangs bekam ich tolle Komplimente. Ich fühlte mich so schön und endlich beachtet - endlich machte sich mal jemand was aus mir. Du warst stolz auf mich. "Siehst du", hat sie geflüstert und wir haben uns angelächelt.
Doch eines Tages hat meine Umwelt angefangen, sich Sorgen zu machen. Zuerst fand ich das gut - immerhin bekam ich jetzt die Aufmerksamkeit, die ich immer wollte. Doch dann zwangen sie mich, wieder so zu werden wie vorher. Sie sperrten mich ein. Ich empfand nichts als Ekel. Aber das verstanden sie alle nicht. Du warst immer noch bei mir. Du hast mich gelehrt, sie alle zu täuschen. Wir haben gelacht. "Wie dumm sie alle sind", kichertest du. "Wie dumm sie alle sind", kicherte ich.
Lange Zeit verging. Du hast mich nicht verlassen.
Doch ich wurde sturer. Wenn ich sündigte, hast du meinen Kopf über die Toilettenschüssel gehalten und mir den Finger in den Hals gesteckt. Ich ließ es über mich ergehen - denn ich war selbst Schuld. Ich hatte es mir selbst zuzuschreiben.
Doch dann hast du mich auch nur für den kleinsten Bissen bestraft. Ich weinte oft. "Stell dich nicht so an", hast du immer gezischt. Ich nickte. Und weinte weiter.

Doch eines Tages musste ich begreifen, dass du mich nicht glücklich machst. Ich hatte mein Zielgewicht erreicht. Und war trotzdem traurig. Du hast nicht gesagt: "Bravo, das hast du so toll gemacht!" sondern: "Und jetzt noch fünf Kilo, du Fettsack".
Ich fing an, dich zu ignorieren, wenn ich nachdachte. Ich hatte begriffen, dass du niemals mit mir zufrieden sein wirst - dass du mir immer einhämmerst, wie dick und schrecklich ich für diese Welt sei.

Ich glaube das nicht.
Und doch glaube ich es. Ich will es nicht glauben, aber ich tue es.
Ich versuchte dich loszuwerden. Und es ist mir heute fast gelungen.
Ich werde dich ganz bestimmt nie vergessen. Nie.
Aber ich will dich vergessen.

Ich gehorche dir nicht mehr.
Ich gehorche mir!

Deine Fabienne

Kleine Anmerkung: als ich diesen Brief geschrieben habe geht es mir sehr gut, jetzt trifft der Schluss nicht mehr zu...